Sturmfluten
Sturmfluten haben den Küstenverlauf der Nordsee stark verändert. Sie entstehen vor allem im Frühjahr und im Herbst, wenn über die deutsche Nordseeküste Sturmtiefs vom Atlantik nach Osten ziehen. Dann drückt der Wind enorme Mengen Wasser in die Deutsche Bucht. Hält der Sturm länger an, kann das Wasser auch bei Ebbe nicht ausreichend ablaufen. Weitere Flutwellen führen zu stark erhöhten Wasserständen, die gegen die Küste drücken. Leichte Sturmfluten haben Wasserstände, die das mittlere Hochwasser um 1,50 – 2,50 Meter übertreffen. Sehr schwere Sturmfluten laufen mit mehr als 3,50 Meter über dem mittleren Hochwasser auf.
Bis zu Beginn der Eindeichung der Nordseeküste im 11. Jh. ergossen sich bei Sturmfluten die Wassermassen ungehindert in die Marschgebiete. Die Schäden für die Menschen waren gering, da in der Marsch lediglich auf den sturmflutsicheren Wurten gesiedelt wurde. Mit dem Deichbau änderten sich die Verhältnisse grundlegend, da die Deiche den bisherigen Überflutungsraum einengten. Die Deiche erhöhten die Stauwirkung vor allem in Buchten und Flussmündungen, sodass die Sturmfluten immer höher aufliefen.
Die Eindeichungen ermöglichte es aber auch immer mehr Menschen, die Marsch zu besiedeln und den fruchtbaren Boden landwirtschaftlich zu nutzen. Der steigende Meeresspiegel und eine Absenkung des Hinterlandes durch zu starke Entwässerung machten jedoch ständige Deicherhöhungen nötig. Deichbrüche hatten katastrophale Auswirkungen für die Bewohner der Marsch, da sich das Meerwasser fast ungehindert im Binnenland ausbreiten konnte. Große Gebiete wie am Dollart oder Jadebusen gingen bei Sturmfluten des Mittelalters und der frühen Neuzeit verloren. Durch Neuerungen in der Deichbautechnik hat es seit dem 19. Jh. keine größeren Landverluste durch Sturmfluten gegeben.
Abbildung: Die Weihnachtsflut von 1717 verwüstete ganze Landstriche an der Nordsee. Quelle: Philomon Adelsheim. „Neuer und verbesserter Kriegs-, Mord- und Tod-, Jammer- und Noth-Calender”. Nürnberg 1719